Geschichte vor Ort: Die 12. Jahrgangsstufe auf Exkursion in Leipzig
Am Dienstag, den 28. Juli 2026, unternahm die gesamte 12. Jahrgangsstufe des Gymnasium Christian-Ernestinum im Rahmen des Geschichtsunterrichts eine Exkursion nach Leipzig.
Begleitet von Frau Kaiser, Herrn Müller und Herrn Ehlenberger standen die deutsche Teilungs- und Demokratiegeschichte sowie die Friedliche Revolution von 1989 im Mittelpunkt. Zwei Programmpunkte verbanden dabei historische Originalzeugnisse mit persönlichen Erinnerungen: der Besuch des Zeitgeschichtlichen Forums und eine Stadtführung mit dem Leipziger Zeitzeugen Hans-Jürgen Jentzsch sowie dessen Frau Ingrid.
In der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“ wurden Bundesrepublik und DDR, deutsche Teilung, Herrschaft und Alltag in der SED-Diktatur, Opposition und Widerstand, Friedliche Revolution sowie Wiedervereinigung und deutsch-deutsches Zusammenwachsen dargestellt. Zahlreiche Originalobjekte, Fotografien, Dokumente und Zeitzeugenberichte ermöglichten eine anschauliche Wiederholung und Vertiefung der Unterrichtsinhalte aus dem Halbjahr 12/2.
Großes Interesse weckten u.a. die ausgestellten DDR-Produkte und Gegenstände aus dem Alltagsleben. Die Jugendlichen erfuhren dabei auch von den sogenannten „Bückwaren“ – begehrten Waren, die nicht offen angeboten, sondern häufig nur über persönliche Beziehungen unter der Hand bzw. der Theke erhältlich waren. Dieses System von Kontakten und Privilegien stand in deutlichem Widerspruch zum offiziell vertretenen Gleichheitsanspruch des Sozialismus. Gewissermaßen im Zeitraffer wurden die komplexen zwischenstaatlichen Entwicklungen noch einmal anschaulich nachvollziehbar.
Beim Rundgang durch die Innenstadt nach der Mittagspause zeigte sich Leipzig als ausgesprochen vielseitige Stadt. Besonders beeindruckten die reich verzierten Fassaden, die berühmten Kirchen sowie die lebendige Atmosphäre. Als traditionsreiche Messe- und Musikstadt ist Leipzig eng mit bedeutenden Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und Richard Wagner verbunden. Oper, Gewandhaus und Thomanerchor stehen bis heute für diese musikalische Tradition von Weltrang. Einen besonderen Moment der Ruhe und Besinnung bot der Besuch der Thomanerkirche, in der die Gruppe unerwartet eine öffentliche Kantatenprobe miterleben konnte.
Höhepunkt der Exkursion war die Begegnung mit Hans-Jürgen Jentzsch. Der 82-jährige Leipziger, der bereits vor einigen Jahren am GCE als Zeitzeuge zu Gast gewesen war, führte – gemeinsam mit seiner Frau Ingrid, die City Guides verteilte, die Gruppe zu bedeutenden Orten der Stadtgeschichte und berichtete aus erster Hand über sein Leben in der DDR. In Leipzig geboren und in der Nikolaikirche getauft, nahm er später an den Friedensgebeten und den sich anschließenden Protestmärschen teil. Auch von persönlichen Erfahrungen mit dem Überwachungsstaat erzählte er: So war er von Kollegen aus Neid bei der Staatssicherheit angeschwärzt worden, wie er im Nachhinein aus den Stasi-Akten erfuhr. Und als spannendsten und glücklichsten Moment seines Lebens bezeichnete er das Erlebnis der Montagsdemonstration am 09. Oktober 1989, exakt einen Monat vor dem Fall der Mauer. Trotz Warnungen eines Freundes bei den Kampfgruppen vor dem erlassenen Schießbefehl auf Demonstrierende schloss er sich dem Protestzug mit mulmigen Gefühlen an. Beim Passieren des runden Ecks am Dittrichring, wo die Leipziger Stasi-Zentrale ihren Sitz hatte und wo mit Maschinengewehren bewaffnete Sicherheitskräfte in den Fenstern auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen, geschah das Wunder: Dank der Friedfertigkeit der 70000 Protestierenden – zu den Sprechchören „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ wurden Kerzen am Portal des Gebäudes abgelegt – fiel kein Schuss und der Damm war gebrochen, der über vier Wochen hinweg in vielen großen Städten der DDR zum Sturz des SED-Regimes führten.
Durch seine offene, lebendige und den Jugendlichen zugewandte Art gelang es Herrn Jentzsch, historische Ereignisse anschaulich werden zu lassen. Die Schülerinnen und Schüler erhielten dadurch nicht nur Informationen über die Stadt, sondern auch authentische Einblicke in das Leben in einem totalitären Staat. Aber auch die Tatsache, heute in einer freiheitlichen Demokratie mit Grundrechten und menschlichem Umgang leben zu dürfen, bezeichnete er als Glück und Verpflichtung.
Am Ende eines langen Exkursionstages blieb bei vielen die Erkenntnis, dass Geschichte besonders eindrucksvoll wird, wenn Wissen, historische Orte, Originalobjekte und persönliche Erinnerungen zusammenkommen. Leipzig erwies sich dafür als idealer Lernort.
Jan Ehlenberger