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Mo., 18.10.2021 - 17:15

Klimawandel und Sicherheitspolitik

Am 30. September 2021 hatte die Q11 Gelegenheit, an einem Vortrag von Herrn Dhany Sahm, (seit 25 Jahren Soldat der Bundeswehr, mit Einsätzen in Afghanistan und mittlerweile als Jugendoffizier im Einsatz) zum Thema „Bündnisorientierte Sicherheitspolitik“ mit Schwerpunkt Klimawandel, teilzunehmen.

Wie stark ist unser subjektives Sicherheitsempfinden? Wie wirken sich regionale Krisen und Konflikte in vielen Teilen der Welt aus? Welche Rolle spielen NATO und Vereinte Nationen für Sicherheit und Zusammenarbeit? Welche Aufgaben haben Regierungen und Staatenbündnisse? Warum rüstet Deutschland trotz der ‚vermeintlich‘ sicheren Lage immer weiter auf? Dies waren einige der Eröffnungsfragen des Vortrages.

Herr Sahm stellte die Frage des Klimawandels als Verstärker der bestehenden Konflikte und die Migrationsbewegung durch den Klimawandel ins Zentrum seines Vortrags: Er führte sehr detailliert aus, dass der Klimawandel eine Bedrohung für die Sicherheit und Stabilität aller Staaten und Gesellschaften ist. Besonders gefährdet sind Länder, die bereits von Fragilität, Konflikt oder Bürgerkrieg betroffen sind. Hier wirkt der Klimawandel als zusätzlicher Risikofaktor und Konflikttreiber. 

Der Klimawandel ist die größte, langfristige Bedrohung für die Menschheit. Die Geschwindigkeit der Erderwärmung und das Ausmaß der Folgen übertreffen dabei viele Prognosen. Neben den direkten Folgen des Klimawandels für die menschliche Gesundheit, Ökosysteme, Wasserversorgung und die Lebensgrundlagen von immer mehr Menschen (z.B. Hitzeperioden, Dürren, Fluten, Stürme) beschäftigt sich die Wissenschaft zunehmend auch mit den indirekten Folgen, die der Klimawandel für unsere wirtschaftlichen, sozialen und politischen Systeme hat. 

So besteht ein weitgehender wissenschaftlicher Konsens darüber, dass der Klimawandel schon heute erhebliche, negative Auswirkungen auf die Sicherheit von Staaten, Gesellschaften und Menschen hat, die sich in einem schnellen Tempo weiter verstärken. Die entscheidende Erkenntnis dabei ist, dass die Zusammenhänge zwischen Konflikten und Klimawandel komplex sind und sich einfacher Erklärungen entziehen. So ist der Begriff der Klimakriege irreführend. Denn er suggeriert, dass es Konflikte oder Kriege gibt, die alleine durch den Klimawandel bedingt sind, was nicht der Fall ist. 

Der Klimawandel wirkt vielmehr als Multiplikator. Wenn es bis 2030 nicht gelingt, den Kohlendioxid- und Methan-Ausstoß in die Atmosphäre drastisch zu verringern, werden sich die bereits bestehenden Konflikte verstärken. Dort, wo die Folgen des Klimawandels mit anderen globalen und lokalen Problemen zusammentreffen, werden immer mehr Staaten und Gesellschaften nicht mehr in der Lage sein, diesem Druck standzuhalten. Perspektivlosigkeit, Instabilität, Proteste und Gewaltausbrüche bis hin zu Bürgerkriegen und zwischenstaatlichen Spannungen sind die Folge. Diese verstärken wiederum Flüchtlings- und Migrationsbewegungen. 

Die wichtigsten Risiken des Klimawandels: 

Extreme Wetterereignisse und Katastrophen  
Extreme Wetterereignisse wie Stürme, Fluten und Dürren, nehmen in ihrer Häufigkeit tendenziell zu und werden stärker. Ihre oft desaströsen Auswirkungen auf Menschen und Umwelt erhöhen den Druck auf bereits schwache staatliche Institutionen, vermindern wirtschaftliches Wachstum, zerstören Infrastruktur und vertreiben Menschen. 

Anstieg des Meeresspiegels und Küstenerosion  
Mit dem Anstieg des Meeresspiegels und zunehmenden Überschwemmungen geht die Nutzbarkeit von Küstengebieten nach und nach verloren. Gleichzeitig nimmt die Gefahr durch Extremwetterereignisse, wie z.B. Sturmfluten zu. Dies verstärkt viele der klimabedingten Risiken. Ebenso können sich verändernde Küstenlinien und das Versinken ganzer Inseln Hoheitsgrenzen in Frage stellen und dadurch zu Spannungen und Konflikten beitragen. Ein bereits heute sichtbares Beispiel ist das kleine japanische Atoll Okinotorishima, das zu versinken droht. Damit stellt sich z.B. die Frage, inwieweit Japans hoheitlicher Anspruch auf die dortigen Fischbestände gegenüber China aufrechterhalten werden kann, das seit einiger Zeit einen aggressiven Kurs der wirtschaftlichen Nutzung und militärischen Präsenz im Chinesischen Meer verfolgt. 

Bedrohte Lebensgrundlagen 
Der Klimawandel bedroht in vielen Regionen die Weideflächen und den Zugang zu Wasser für die Bewässerung der Felder sowie Jobs in klimasensiblen Wirtschaftsbereichen. Der Mangel an Alternativen und die Perspektivlosigkeit, vor allem bei jungen und männlichen Bevölkerungsgruppen, kann den Unmut über die eigene Lage und bestehende Ungleichheiten verstärken. In politisch bereits angespannten Situationen kann dies dazu führen, dass insbesondere junge Männer anfälliger für die Rekrutierung durch Rebellengruppen und gewalttätige Extremisten werden oder sich stärker an kriminellen Aktivitäten beteiligen (z.B. Wilderei, Piraterie oder Drogenproduktion und -handel). So halten afghanische Bauern trotz Verbots am Anbau von Schlafmohn fest. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels ist der Anbau alternativer Kulturen deutlich riskanter und weniger einträglich. Um sich auf längere Dürrephasen einzustellen, wird zunehmend Schlafmohn angebaut, der mit wenig Wasser auskommt und für die Produktion von Rohopium und Heroin geeignet ist. 

Lokale Ressourcenkonflikte
In vielen Regionen der Welt schränkt der Klimawandel in zunehmendem Maße die Verfügbarkeit lebenswichtiger natürlicher Ressourcen, wie Land und Wasser, ein. Gleichzeitig wächst der Bedarf infolge des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums. Die durch zunehmende Verknappung und steigende Nachfrage ausgelöste Konkurrenz kann zu Instabilität und gewalttätigen Konflikten führen. Das Risiko ist dort besonders hoch, wo effektive Mechanismen zur Konfliktlösung fehlen. Dies ist in vielen Ländern der Sahelzone der Fall. Dort nehmen u.a. Konflikte zwischen der nomadischen Bevölkerung, die vor allem von der Viehhaltung leben, und sesshaften Bauern signifikant zu (Zugang Wasser und Land).  

Grenzüberschreitende Wasserkonflikte  
Viele der wichtigsten grenzüberschreitenden Flussgebiete befinden sich in Regionen, die unter Fragilität, Konflikten und zwischenstaatlichen Spannungen leiden, darunter Nil, Indus, Ganges, Euphrat und Tigris und Mekong. Dort wird – bedingt durch Klimawandel, Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum – die Konkurrenz um grenzüberschreitende Wasserressourcen dramatisch zunehmen. Viele Experten befürchten, dass die Anrainerstaaten den zunehmenden Druck nicht friedlich regeln können. Besonders gefährlich wird es, wenn Nationen einseitig entscheiden, den Wasserfluss zu verändern, z.B. durch den Bau großer Dämme, wie dies in Äthiopien mit dem Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) geschehen ist. 

Schwankende Lebensmittelpreise  
Der Klimawandel wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Ernten und die Lebensmittelproduktion in vielen Regionen der Welt vermindern. In Kombination mit anderen Entwicklungen, wie dem steigenden Bevölkerungswachstum, wird die Nahrungsunsicherheit zunehmen, und die Preise werden verstärkten Schwankungen unterworfen sein. Besonders betroffen werden Länder sein, die durch große Armut, schwache Institutionen und geringe Subventionen für Lebensmittel und Energie gekennzeichnet sind und deren Regierungen von Teilen der Bevölkerung nicht als legitim angesehenen werden. 

Auswirkungen von Klimapolitik  
Klimapolitik umfasst zum einen Maßnahmen zur Verminderung klimaschädlicher Emissionen, wie Kohlendioxid und Methan. Zum anderen gehören auch jene Maßnahmen dazu, die zur Anpassung an den Klimawandel, der nicht mehr zu verhindern ist, durchgeführt werden.

 

Ein Beispiel hierfür ist z.B. der Landverbrauch durch die Herstellung von Biokraftstoff. Um die enormen Mengen von Biokraftstoff zu produzieren, werden u.a. große Gebiete von Regenwald, Savannen und Grasland in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Dies führt wiederum zu klimaschädlichen Emissionen, erhöhtem Wasserverbrauch, Entwaldung und dem Verlust wertvoller Ökosysteme.  

Was also können wir machen, um den Klimawandel zu bekämpfen und die Fähigkeit zu bilden, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen? 

Bei der Konzipierung von Klimaschutzmaßnahmen ist es entscheidend, potenzielle negative Auswirkungen zu vermeiden oder doch zumindest zu minimieren. Dies gilt im Übrigen für jede Art menschlichen Handelns – ob nun in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und im privaten Bereich. Idealerweise sollten alle Entscheidungen und Maßnahmen daraufhin untersucht werden, ob und inwieweit sie klimaverträglich sind.  
 
Es ist höchste Zeit, entschieden auf die Reduktion klimaschädlicher Emissionen hinzuarbeiten. Mit dem Klimaabkommen von Paris (2015) ist dafür ein Rahmen geschaffen worden. Die Umsetzung der festgeschriebenen Emissionsminderungen und die Erreichung des 1,5-Grad-Ziels setzt weitreichende Veränderungen unserer bestehenden Wirtschafts-, Energie- und Verkehrssysteme voraus.  
 
Allerdings wird selbst mit sehr ambitionierten Emissionsreduktionen der Klimawandel auf absehbare Zeit weiter voranschreiten. Deshalb sind parallel Maßnahmen für die Anpassung an den Klimawandel erforderlich. Im Hinblick auf den Frieden in Konfliktländern müssen z.B. die langfristigen Folgen des Klimawandels noch stärker berücksichtigt und Klimaanpassungsmaßnahmen sensibel umgesetzt werden, nur so werden die bestehenden Konflikte nicht zusätzlich verschärft.  
 
Als gemeinsame Agenda bietet sich die Stärkung der Staaten und Gesellschaften an, wie z.B. durch die Entwicklungszusammenarbeit, die humanitären Hilfe, Friedensbildung und durch die Anpassung an den Klimawandel. Bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze, ist die Fähigkeit eines Staates und einer Gesellschaft gemeint, wirksam und konstruktiv mit klimabegründeten Veränderungen umzugehen. Scheitert diese Stärkung, besteht die Gefahr, dass durch den Klimawandel weitere Staaten in einen Teufelskreis aus Schwächung, Konflikt und Bürgerkrieg geraten.  
 
Leider konnten viele Themen aufgrund der Kürze der Zeit nur angeschnitten werden, trotzdem konnten wir mit Herrn Sahm Argumente und Gegenargumente – teils auch sehr kontrovers – auszutauschen. Der Vortrag und die anschließende Diskussion haben sicherlich dazu beigetragen, die eigene Position zu hinterfragen, Wissenslücken zu schließen und zu einem begründeten, differenzierten und eigenständigen Urteil zu kommen.

Justus Brosy, Q11 für das W-Seminar Geographie "Klimawandel und Naturkatastrophen"