63. Nobelpreisträgertagung am Bodensee

Schon zum 63. Mal trafen sich Anfang Juli 2013 Nobelpreisträger aus aller Welt bei der Lindauer Nobelpreisträgertagung am Bodensee. In diesem Jahr handelte es sich dabei vor allem um Preisträger aus dem Bereich der Chemie.

Unter dem Motto „Educate, Inspire, Connect“ sollen diese Tagungen dazu dienen, Nobelpreisträger aller Jahrgänge und Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt (beworben hatten sich 20.000!) für eine Woche zu einem inspirierenden Austausch zusammenzubringen. Seit drei Jahren werden im Rahmen des Impulsprogramms „Teaching Spirit“ dazu auch „auserwählte“ Lehrkräfte aus dem deutschsprachigen Raum geladen, die für zwei Tage an dieser wissenschaftlichen Konferenz teilnehmen dürfen. Auf Vorschlag der Stiftung Jugend forscht und nach Auswahl durch das Kuratorium der Lindauer Nobelpreisträgertagungen durfte Markus Lenk vom GCE in Bayreuth diesem spannenden Ereignis beiwohnen.


Nach einer langen Zugfahrt an den Bodensee und einem gemütlichen Mittwochabend in der Lindauer Altstadt zum Kennenlernen der anderen „Auserwählten“ aus ganz Deutschland standen am Donnerstag in der Lindauer Inselhalle gleich sieben englischsprachige Vorträge von Nobelpreisträgern auf dem Programm:

Werner Arber (Nobelpreis für Medizin 1978 für die Beschreibung der heute vor allem in der Gentechnik wichtigen Restriktionsenzyme) sprach über „Cultural Values of Scientific Knowledge“, also die kulturelle Bedeutung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Mario J. Molina (Nobelpreis für Chemie 1995 für die Beschreibung des Ozonlochs und seiner Ursachen) verdeutlichte im zweiten Vortrag die immer noch große Diskrepanz zwischen der hohen wissenschaftlichen Akzeptanz der aktuellen Problematik des Klimawandels und ihrer medialen Wahrnehmung.

Im Anschluss daran beschrieb Avram Hershko (Nobelpreis für Chemie 2004 für die Beschreibung des Ubiquitins und seiner Rolle bei der Degradation von Proteinen) neben den Mechanismen des Protein-Abbaus und ihrer Bedeutung für medizinische Anwendungen (beispielsweise bei der Bekämpfung von Krebserkrankungen) auch die Grundlagen seiner wissenschaftlichen Forschung wie  „Finde wichtige Themen, die andere nicht interessieren!“ oder „Science should be a curiosity-driven adventure. You should have a lot of excitement and fun!“

Danach veranschaulichte Theodor Hänsch (Nobelpreis für Physik 2005 für seine Arbeiten im Bereich der Laser-Spektroskopie) mit einer aufwändigen Präsentation die wissenschaftliche Bedeutung von Laser-Frequenz-Kämmen, mit denen man die Frequenz einer elektromagnetischen Strahlung sehr präzise messen kann.

K. Alex Müller (Jahrgang 1927, Nobelpreis für Chemie 1987 für seine Entdeckungen im Bereich der keramischen Supraleiter) erläuterte die Bedeutung neuer keramischer Materialien u.a. im Bereich der Energieübertragung (z.B. bei regenerativen Energien),

bevor Robert Huber (Nobelpreis für Chemie 1988 für die Beschreibung von Photosynthese-Reaktionszentren) die Bedeutung kristallographischer Untersuchungen als Grundlage vieler biologischer und chemischer Erkenntnisse vorstellte.

Zum Abschluss dieses intensiven Vormittags trieb Sir Harold W. Kroto (Nobelpreis für Chemie 1996 für die Entdeckung der Fullerene, fußballähnlich angeordneter Kohlenstoff-Verbindungen) auf sehr unterhaltsame Weise, aber in einem Tempo, das keine Rücksicht auf das bereits absolvierte, intensive englischsprachige Programm sowie die vorgerückte Mittagsstunde (auch wissenschaftliche „Konferenz-Profis“ überziehen regelmäßig ihre Redezeit…) nahm, die „Four horsemen of the 21st Century Apocalypse“ durch den Saal. Er führte dabei ein eindrückliches Plädoyer für eine kritische, evidenz-basierte Naturwissenschaft.

 

Die Mittagspause wurde gleich wieder intensiv genutzt: Speziell für uns Lehrer waren drei (deutschsprachige) Nobelpreisträger mit uns zum Essen im noblen Hotel Helvetia direkt am Lindauer Hafen eingeladen worden: Richard R. Ernst (Nobelpreis für Chemie 1991 für seine Beiträge zur hochauflösenden NMR-Spektroskopie), Kurt Wüthrich (Nobelpreis für Chemie 2002 für die Strukturaufklärung von Makromolekülen) und Gerhard Ertl (Nobelpreis für Chemie 2007 für seine Arbeiten zur Oberflächenchemie) durften neben einem leckeren Essen die neugierigen Fragen der Lehrkräfte genießen. Und wenn man nicht direkt mit einem der Nobelpreisträger sprechen konnte, so waren auch die Gespräche mit der Ehefrau eines Nobelpreisträgers (Chemiker-Karrieren beginnen wirklich manchmal mit dem Fund eines Chemiekastens auf dem Dachboden eines alten Hauses… und andere interessante Details aus dem Familienleben...) oder dem Managing Director der Stiftung der Lindauer Nobelpreisträgertagungen Nikolaus Turner (über die Entstehung der Tagung im Jahre 1951 auf Initiative des Grafen Lennart Bernadotte und zweier Lindauer Ärzte, um Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auch im naturwissenschaftlichen Bereich wieder in die Weltgemeinschaft zurück zu führen) sehr interessant und aufschlussreich.

Ohne richtige Pause ging es dann im gleichen Haus mit wunderbarer Aussicht auf den Bodensee gleich weiter mit einer Lehrerfortbildung, in der die sehr informative und ansprechende Mediathek der Lindauer Nobelpreisträgertagungen (http://www.mediatheque.lindau-nobel.org/ - dort finden sich auch alle oben genannten Vorträge als Videos) vorgestellt wurde. Gleich im Anschluss gab es noch die Möglichkeit, unter der Anleitung zweier Mitarbeiter vom Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik IPN aus Kiel Experimente aus dem Bereich der Nanotechnologie auszuprobieren und sich über die Förderung naturwissenschaftlicher Talente auszutauschen.

Bevor dann der Bayerische Abend des Bayerischen Elite-Netzwerks und des Freistaats Bayern in der Lindauer Inselhalle begann, blieb uns kaum noch Zeit, uns in unserem Hotelzimmer in Schale zu werfen („dresscode: Bavarian, national dress or business casual“). Nach Grußworten (u.a. des bayerischen Wissenschaftsministers Wolfgang Heubisch), weiteren wissenschaftlichen Vorträgen und „echt bayerischem“ Schuhplattler wurde ein leckeres „Bayerisches Buffett“ eröffnet, das dem internationalen Publikum ein authentisch bayerisches Geschmackserlebnis versprach (…und dieses Versprechen wurde reichlich gehalten!).

 

Am nächsten Morgen verließen wir das Hotel, um ein paar Meter weiter an Bord des größten Kreuzfahrtschiffes auf dem Bodensee zu gehen. Nach dem feudalen Bayerischen Abend des Freistaates Bayern ließ sich auch das Land Baden-Württemberg nicht lumpen und lud für diesen Tag die gesamte „noble Reisegesellschaft“ auf die „Sonnenkönigin“ ein, um von Lindau über Bad Schachen (wo die Nobelpreisträger an einem eigenen Anleger an Bord geholt wurden) auf die Insel Mainau zu fahren. Während der Fahrt gab es neben schönen Aussichten auf den reizvollen Bodensee direkt auf dem Schiff eine Ausstellung baden-württembergischer Forschung in den Naturwissenschaften sowie eine Ansprache der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer bei leckerer Verköstigung. Ab und zu konnte man ein Wort mit einem der mitreisenden Nobelpreisträger wechseln, die aber wie Popstars ständig von Fans umlagert waren und kaum aus dem Autogramme-Geben und in Handykameras-Hinein-Lächeln herauskamen… oder sich mit Kollegen und Wissenschaftlern aus aller Welt unterhalten.

Angekommen auf der Blumeninsel Mainau ging es zum Schloss, neben dem zum Abschluss der Tagung noch eine Podiumsdiskussion mit dem Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta (Friedensnobelpreis 1996 für den friedlichen Einsatz für die Unabhängigkeit Osttimors von Indonesien, bis 2012 Premierminister von Osttimor, heute UN-Sonderbeauftragter für Guinea-Bissau) und dem Mitglied des Friedensnobelpreisträgerkomitees Gunnar Stalsett zum Thema „Challenges to Peace and Justice in the 21st Century“ stattfand. Beide unterstrichen die Verantwortung der Naturwissenschaftler für die Gesellschaft.

In einer Podiumsdiskussion zu „Green Chemistry“ kamen die Nobelpreisträger Mario J. Molina und Steven Chu (Nobelpreis für Physik 1997 für die Entwicklung zur lasergestützten Beeinflussung von Atomen und Energieminister der US-Regierung Obama von 2009 - 2013) sowie Michael Braungart, der recht provokative und etwas zu lässig auftretende Direktor der Internationalen Umweltforschung GmbH, zu der nicht unbedingt neuen, aber dennoch essentiellen  Erkenntnis, dass gerade die chemische Forschung nachhaltige Lösungen finden muss, die bei der Produktion von Stoffen keine Schäden verursachen und Müll hinterlassen. Denn nicht die Energie wird in Zukunft das Problem sein, sondern die immer weniger werdenden Ressourcen.

Die kurze Mittagspause konnten wir nutzen, um die sehenswerte Blumeninsel Mainau zu erkunden, die ein einziger blühender botanischer Garten ist. Besonders lohnenswert ist das Schmetterlingshaus. Die Zeit reichte sogar noch für einen kurzen Blick in die übersichtliche Ausstellung „Sketches of Science“ im Schloss, welche die teilweise recht witzigen handschriftlichen oder zeichnerischen Versuche der Nobelpreisträger zeigt, ihre Arbeit auf einem Blatt Papier möglichst anschaulich zusammenzufassen.

Nach den Abschiedsworten der sehr sympathischen Gräfin Bettina Bernadotte von Wisborg (Urenkelin von Gustav V. von Schweden, in der Nachfolge ihres Vaters Präsidentin des Kuratoriums der Lindauer Tagungen und gleichzeitig „Hausherrin“ auf der Blumeninsel Mainau) und ein paar vom Smartphone abgelesenen Worten eines gambischen Nachwuchswissenschaftlers (die neue Generation von Wissenschaftlern?) endete die Konferenz mit dem Appell des Nobelpreisträgers Steven Chu an die versammelten Wissenschaftler: „Use your heart AND your brain!“ (… im Sinne von: Geht mit Enthusiasmus an die Forschung! Aber glaubt nicht alles, auch wenn es Euch eine vermeintliche wissenschaftliche Autorität sagt!)

 

Mit der „Sonnenkönigin“ ging es dann wieder sehr nobel und gemütlich mit Live-Band und Verpflegung Richtung Lindau. In Bad Schachen winkten uns noch die Nobelpreisträger hinterher, ehe wir uns kurze Zeit später im Hafen von Lindau voneinander verabschieden mussten. So gingen zwei intensive Tage zu Ende, die als Auszeichnung für bereits Geleistetes, vor allem im Bereich Jugend forscht (Danke an meine erfolgreichen Jungforscher!), gleichzeitig aber auch als Inspiration für die zukünftige Arbeit gedacht waren.

Spannend war es für mich, Nobelpreisträger aus der „Nähe zu beobachten“ (Vielleicht bin ich doch mehr ein Biologe als ein Chemiker?) und festzustellen: Auch das sind „nur“ Menschen, meist ganz natürlich und bodenständig, wenn auch in der Regel schon etwas älter… und doch haben sie Dinge herausgefunden, die einerseits oft Details betreffen, mit denen sich selbst Naturwissenschaftler anderer Fachbereiche noch nie auseinandergesetzt haben, die aber andererseits Welt und  Gesellschaft als Ganzes verändern können. An der „Basis der Wissenschaft“, im Bereich Schule, war für mich vor allem der Austausch mit Kollegen aus anderen Bundesländern und aus verschiedenen Schultypen interessant.

So bleibt es für mich weiterhin eine spannende Aufgabe, Schüler für die Wissenschaft zu begeistern, ganz im Sinne der Nobelpreisträger: „Educate, Inspire, Connect“.

 
Markus Lenk

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern