„Oma, wie war das in der DDR?“

Wir gedenken dieses Jahr des 200. Geburtstages von Karl Marx. Doch wie haben Menschen die Realisierung seiner Idee vom Sozialismus im DDR-Alltag erlebt? So fragten Schülerinnen und Schüler der Klasse 10a am 04.05.2018 das Ehepaar Christina und Bernd Hallbauer anlässlich eines Zeitzeugengesprächs, das freundlicherweise deren Enkel, Hannes Schmidt, vermittelt hatte.

In lockerer Gesprächsatmosphäre ließen die Gäste ihr Leben im Sozialismus Revue passieren. Daran war nicht alles schlecht; v.a. die Gleichberechtigung der Geschlechter, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt zählen zu ihren positiven Erfahrungen in der DDR. Allerdings gab es laut Frau Hallbauer zwischen Theorie und Praxis erhebliche Unterschiede, die sich massiv auf den Alltag auswirkten. So litt die vierköpfige Familie unter der weit verbreiteten Wohnungsnot, der Mangelwirtschaft (15 Jahre Wartezeit auf ein Auto der Marke Trabant), der nicht vorhandenen Reisefreiheit (selbst Reisen ins befreundete sozialistische Ausland waren limitiert, ebenso waren Reisen innerhalb der DDR durch den FDGB genehmigungspflichtig) und v.a. darunter, die eigene Meinung nicht frei äußern zu dürfen. „In einem Staat, der seine Bürger vor der Welt wegsperrt, Kritiker einsperrt und auf Mauerflüchtlinge schießt, wollte ich nicht länger leben.“

Als Frau Hallbauer nach jahrelangen Eingaben wegen der maroden und beengten Wohnverhältnisse in einer Zweizimmerwohnung ohne Bad einen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Plauen richtete, geriet sie binnen weniger Tage ins Visier der Staatssicherheit. Grund der Bespitzelung: Jemand wagt es, die nach außen Familienfreundlichkeit demonstrierende DDR an ihren Worten zu messen. In den drei Jahren bis zur Ausreise nach Westdeutschland entstanden Überwachungsakten im Umfang von über 120 Seiten, um belastendes Material zu gewinnen. Darunter ein abgefangener Brief der Zeitzeugin, worin in deren täuschend echt nachgeahmter (!) Handschrift aus dem Tabu-Begriff „Ausreisewillige“ die Formulierung „Reiselustige an die Ostsee“ gemacht wurde, um Regimekritisches zu verschleiern.

Für Herrn Hallbauer, der in der NVA (Nationale Verteidigungsarmee) im Dienst an der Grenze (in DDR-Diktion „antifaschistischer Schutzwall“) zur Anwendung des Schießbefehls verpflichtet worden war (andernfalls drohte die Inhaftierung in Bautzen), wurde der Wunsch, seine Heimat verlassen zu wollen manifest bei der Einschulung seiner Tochter, als die Schulleiterin verkündete, ab jetzt kümmere sich ausschließlich die Schule um die Erziehung der Kinder, Eltern sollten diese nicht in Gewissenskonflikte bringen (etwa durch kritische Äußerungen über den Staat).

Tatsächlich stellten Hallbauers im Jahr 1983 einen Ausreiseantrag, der dank eines Milliardenkredits aus Bayern und der Hartnäckigkeit der Antragsteller rascher genehmigt wurde als üblich. Dennoch gingen der Ausreise in den Westen unzählige Schikanen voraus. So gab es Verhöre in Betriebsversammlungen, der Tochter erzählte man in der Schule, sie käme im Westen in ein Internat, der Vater wurde mehrfach unangekündigt abgeholt, auf der Fahrt ins Amt unterwegs stundenlang allein im Auto wartend im Ungewissen gelassen, bis der Antrag durchging, sich die Ausreise aber trotz angesagter Dreitagesfrist (!) um weitere zwei Wochen verschob. Zermürbung und Zersetzung, Denkzettel und Abschreckung weiterer Ausreisewilliger gehörten zum Kalkül dieser Maßnahmen.

Nach der Übersiedelung nach Bayreuth erfuhren Hallbauers tatkräftige Unterstützung durch Menschen aus der Nachbarschaft und lebten sich rasch ein im anderen deutschen Staat, den sie nur bruchstückhaft aus (verbotenen) westlichen Fernsehsendern kannten.

Im Plenum wollten die Fragen an die Zeitzeugen nicht abreißen. So wurden aus den geplanten 60 Minuten eineinhalb Stunden, in denen ein authentisches Bild vom Leben in der DDR vermittelt wurde. Vieles aus dem Unterricht gehe binnen weniger Tage oder Wochen verloren, konstatierte ein Schüler, diese lebendige Stunde bleibe als Lektion fürs ganze Leben im Bewusstsein.

Der Rat der Zeitzeugen an die Schülerinnen und Schüler am Ende des Gesprächs war eindringlich: Übt Zivilcourage, schaut nicht weg, wo Menschen entwürdigt oder abgewertet werden. Schätzt die Freiheit, verteidigt unsere Werte und unsere demokratische Grundordnung, sie sind nicht selbstverständlich, beteiligt euch aktiv daran, stellt kritische Fragen und findet gemeinsame Antworten für die Zukunft.

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern