WELTERBE

Besuch der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

„Obwohl ich Flossenbürg so schnell wie möglich verließ, hat Flossenbürg mich nie verlassen. Für uns, die ehemaligen Häftlinge, wurde diese Vergangenheit zum Fundament unseres gezeichneten Lebens.“

(Jack Terry, vormals Jakub Szabmacher)

Am 16.03.2018 besichtigten wir, die Klassen 9a, e, f und g, in Begleitung unserer Geschichtslehrer (Dr. Ehlenberger, Herrmann, Maier, Urban) und Frau Schim die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg in der Oberpfalz. Wir sammelten uns mit den Gästeführern auf dem Appellplatz, warm gekleidet, gesund, und vor allem aus freiem Willen. Anders als die Häftlinge vor ca. 70 Jahren, die in einer Art Pyjama bei bis zu -20°C draußen 12-14 Stunden ohne Pause bei dürftigster Verpflegung im Steinbruch gequält und jeglicher Menschlichkeit beraubt wurden.

Die Begehung des Geländes begann im Waschraum, wo das Martyrium der Häftlinge – Berufsverbrecher, die zu sadistischen Kapos über ihre Mitgefangenen gemacht wurden, Juden, politische Gegner, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Widerstandskämpfer – seinen Lauf nahm. Hier wurden die Menschen im Winter bei offenem Fenster mit dem harten Strahl eines Feuerwehrschlauches abgespritzt.

Man beraubte die Häftlinge ihrer Identität, indem sie bei ihrer Ankunft komplett kahl geschoren wurden, einheitliche Sträflingskleidung an- und ihren Namen ablegen mussten. Für „Verbrechen“, die keine waren, wurde ihnen jegliche Würde und das Recht auf Individualität genommen. Doch damit nicht genug: sie mussten zu je 1200 Personen in einer Baracke leben, die eigentlich für nur 200 vorgesehen war, wie Tiere in einem Stall wurden sie unter den miserabelsten hygienischen Zuständen zusammengepfercht. Im nahe gelegenen Steinbruch, den wir ebenfalls besuchten, wurde ihr Tod gemäß dem nationalsozialistischen Konzept der „Vernichtung durch Arbeit“ billigend in Kauf genommen, doch bis es soweit war, beutete die SS-Wirtschaftsorganisation DEST (Deutsche Erd- und Steinwerke) ihre verbleibende Kraft gnadenlos aus. Die Steine wurden u.a. für die Errichtung des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg verwendet. Heute bricht man mit schwerem technischem Gerät den Stein, unvorstellbar, unter welchen Qualen die Häftlinge mit primitiven Werkzeugen die Zwangsarbeit verrichten mussten.

Flossenbürg gilt als eines der grausamsten KZs, die es in Deutschland gab. Denn von den knapp 100.000 Häftlingen kamen in Flossenbürg ca. 30.000 ums Leben durch Gewalt, Erschießungskommandos, den Galgen, im Steinbruch oder durch Schwäche, Hunger und Suizid.

Besonders erschütternd anzusehen – das noch erhaltene Krematorium, worin die Leichen verbrannt wurden. Hier lernten wir ein ganz neues Verständnis für Zahlen kennen. 30.000 getötete Menschen sind schlimm, aber es ist nur eine Zahl. Jeder einzelne davon war ein Mensch, ein unverwechselbares Individuum.

In der Ausstellung nahmen wir uns viel Zeit, auch die Lebensschicksale einiger Häftlinge auf großen Tafeln zu lesen. In manchen davon hat sich der eine oder andere von uns selbst wiedergefunden, was dabei zu verstehen half, dass es jeden von uns Heutigen hätte treffen können, wären wir 80 Jahre vorher geboren worden.

Was in Flossenbürg und in vielen anderen Lagern während der Nazi-Diktatur geschah, ist etwas, das nie wieder passieren darf und deshalb nicht verdrängt, sondern weitererzählt und in Erinnerung behalten werden sollte – gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus.  Schließlich ist kein Mensch auf diesem Planeten „Abfall“, egal wie er oder sie sich von den „Anderen“ unterscheidet.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Geschichtslehrern für die Ermöglichung der Fahrt, die uns mehr als alles andere aus dem Geschichtsunterricht dafür sensibilisierte, warum sich etwa Songtextzeilen von ECHO-Preisträgern Farid Bang und Kollegah („mein Körper ist definierter als von Auschwitzinsassen“) an Geschichtsvergessenheit und Geschmacklosigkeit wohl kaum überbieten lassen. 

Adele Boffa Ballaran, Marlene Olbricht (Klasse 9a)

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern