Berlinfahrt 2018

Berlin, Deutschland, 16. Juli 2018, ca. 18:30 Uhr.

Am ZOB fährt ein 2 Stunden verspäteter Flixbus ein, parkt gekonnt lässig mit einem Schwung neben dem Gehsteig ein, öffnet seine Türen. Aus seinem Inneren quillt ein Schwall von verbrauchter Luft. Neben einigen anderen Passagieren kraxeln 25 Bayreuther Jugendliche und 2 Lehrer aus dem Bus. Die lang ersehnte frische Luft, die sich jeder nach der 6-stündigen Fahrt gewünscht hat, bleibt aus: es ist heiß und stickig hier in Berlin und das wird sich auch die nächsten 5 Tage nicht ändern, die wir hier verbringen werden. Schon jetzt schälen sich einige aus ihren roten Abschlussfahrt-Pullis – die werden wir wohl so schnell nicht mehr brauchen. Über die eingetrockneten Kaugummis und Zigarettenstummel auf dem Boden des ZOB rollen 25 Koffer, Herr Triphan hat nur einen Rucksack und geleitet uns mit U- und S-Bahn zu unserem Hostel Generator in der Oranienburger Straße. „Pretty lit hostel for a school trip“ war die erste Reaktion meines kanadischen Freundes, als er uns eines Abends in der hoteleigenen Bar unter den bunten Lichtern besuchte. In Dreier-, Vierer- und Sechserzimmer unterteilt verbrachten wir nach selbstständigem Abendessen unsere erste, verschwitzte Nacht in Berlin Mitte. Am Dienstag sollte es sofort losgehen mit vollem Programm, zum Frühstück um 8 erschienen alle 25 geschwollenen Augenpaare und stärkten sich für den anstehenden Besuch des Bundeskanzleramtes. Nach der flughafenähnlichen Sicherheitskontrolle erhielten wir eine sehr interessante Führung am Arbeitsplatz unserer Bundeskanzlerin, schossen grinsende Klassenfotos vor blauen Konferenzwänden und genossen den Ausblick auf der Dachterrasse. Den Nachmittag durften wir mit roten roten Hop On Hop Off-Bussen die Stadt auf eigene Faust erkunden, trafen uns am frühen Abend mit den ersten Sonnenbränden wieder mit unseren Lehrern zu einem Ausflug nach Neukölln und Kreuzberg. In Kleingruppen wurden auch diese beiden Stadtviertel unsicher gemacht, Läden abgeklappert, Parks besichtigt, Imbissbuden ausgetestet. Bis zur Ausgangssperre um 10 wurde der laue Sommerabend sinnvoll genutzt, sei es direkt neben dem Hotel im Montbijou Park, vorne an der Spree auf den Wiesen oder in den Gassen der Innenstadt. Zur effektiven Verschiebung unserer Schlafrhythmen feierten wir an diesem Abend noch in Lennarts Geburtstag rein, sangen das obligatorische Liedchen und ich glaube, eine Kerze gab es sogar auch, aber die Party wurde schnell beendet, sodass bald darauf alle frisch geduscht in ihren eigenen Bettchen lagen.

Der nächste Tag ließ natürlich kein Ausschlafen zu: ab 8 rappelte es wieder in den Kartons. Aufstehen, Fertigmachen, Frühstück und ab: die sich rapide vermehrenden Bauchtaschen, lässig über die Schulter gehängt, schlängelten sich wieder durch die Stadt. Nach einer wahlweise von Herrn Triphan oder selbst geleiteten Mini-Stadtführung mit Shopping-Einlagen erwartete man uns in der Bundestagskantine zum äußerst schmackhaften Mittagessen. Im Plenarsaal wurden wir schlau gemacht über die Verteilung der Sitze und die Aufgaben der jeweiligen Positionen, im Anschluss waren wir verabredet mit einer SPD-Politikerin aus der Region, die allerdings ihren Mitarbeiter schickte, da sie nicht selbst anwesend sein konnte. Jener wurde eine knappe Stunde mit kritischen Fragen unsererseits gelöchert, die er ausführlich beantwortete, um uns danach mit unseren neuen Bundesadler-Anstecknadeln auf die Dachterrasse zu entlassen (die Kuppel war gesperrt). Unsere Haare und Frau Löbls Kleid wehten mit den Deutschlandflaggen um die Wette, nichts für Leute mit Höhenangst. Abendprogramm war ein gemeinsames Pizzaessen im hotelnahen Restaurant, bei dem selbst XXXL-Pizzen problemlos vertilgt wurden. Auch an diesem Abend sollte es wieder eine Mini-Geburtstagsparty geben: auf Elisas Zimmer war Tag der offenen Tür, die zahlreichen Gäste hinterließen Geschenke und Käsefuß-Aroma.

Und auf einmal war es Donnerstag. Und kühler. Unter bewölktem Himmel standen heute die nicht ganz so spaßigen Attraktionen auf dem Programm: Checkpoint Charlie (Ali?!), jüdisches Museum und Stasi-Gefängnis. Das Wetter besserte sich zum Abend hin wieder, in der Oranienburger Straße gab es einen orangefarbenen Sonnenuntergang, im Park saß man noch ein letztes Mal beisammen und an der Spree wurde fleißig zu spanischen Klängen getanzt. Bis um 2 Uhr nachts saßen wir an diesem Abend unter direkter Lehrerbeaufsichtigung vor dem Hostel zusammen, führten stundenlang ein lautstarkes Gespräch, um die schreienden schwedischen Mitbewohner zu übertönen, unterhielten uns über Gott und die Welt. „Schlafen können wir ja im Bus!“ Bevor der allerdings am nächsten Tag (pünktlich!) fuhr, schleppte uns Herr Triphan noch zur Gedenkstätte der Berliner Mauer, wo aber nicht mehr allzu viel Geschichtliches in unsere Köpfe passte, sodass wir uns lieber nach 10 Minuten Pflichtbesichtigung auf einer Bank im Schatten niederließen und dort unsere müden Glieder entspannten. Das letzte, gesunde Mittagessen nahmen wir wieder in Grüppchen in der Innenstadt zu uns, bepackten uns mit Snacks für die anstehende Heimreise und verabschiedeten uns um 14:20 Uhr von der Hauptstadt. Im Bus wurde es kurz darauf seltsam ruhig. Begleitet vom Rauschen der Klimaanlagen zuckelten wir gen Süden.

Bayreuth, Deutschland, 20. Juli 2018, ca. 20:15 Uhr. Aus einem grünen Flixbus kraxeln 25 Jugendliche und 2 Lehrer…

Marina Kreutzer

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern