[lautschrift Adventskalender] #6

Aus den Känguru-Chroniken des GCE

 

„Meinst du nicht, dass du so allen auf den Sack gehst?“ Das Känguru freute sich sichtlich über seinen Wortwitz. „Nicht lustig!“, entgegnete ich ihm. „Aber jetzt einmal im Ernst, Franz. Du hast dieses Kostüm an, eine rote Mütze auf und dir einen schlecht sitzenden weißen Bart angeklebt. Wo hast du den überhaupt her?!“

„Von Herrn Maier, der hat da einen geheimen Schrank mit lauter... Das geht dich gar nichts an! Und wieso bist du eigentlich schon wieder in meinem Büro? Wir hatten doch abgemacht, dass du nicht mehr in der Schule auftauchen solltest, nachdem du neulich die Blumen vor Frau Kohls Büro abgefressen hast, mehrfach über Herrn Kerling gehüpft bist und versucht hast, Frau Dörner zu küssen! Oder hast du das vergessen?!“ Das Känguru schaute unverschämt schuldbewusst, aber natürlich nur kurz. „Seit wann darf man nicht mehr seinen Lieblingschef besuchen kommen? Und zu deinen Vorwürfen:

Erstens: Frau Kohl hat ihrem Namen alle Ehre gemacht und mich in die Schulgarten-AG aufgenommen. Unkrautjäten ist da mein Job!“ - „Das waren Orchideen, du Witzbold!“ - „Zweitens: Ich hatte Herrn Kerling auch den Transportweg im Beutel angeboten, aber er hat abgelehnt...“ - „Herr Kerling ist einer meiner besten Männer, du darfst ihn doch nicht verärgern!“ - „Und drittens: Frau Dörner wollte geküsst werden! Hungry eyes und so. Glaub mir, ich habe ein Händchen für Frauen! Du versuchst außerdem nur, von dir selbst abzulenken: Was soll denn nun dieser lächerliche Aufzug ?!“

Ich schaute an mir herunter. Das Känguru hatte schon irgendwie Recht: Der rote Mantel war viel zu weit, der Bart klebte nicht richtig und haarte furchtbar, der braune Jutesack hatte sich in den letzten Sekunden eher in den gelben Plastikmüllsack aus dem Lehrerzimmer verwandelt – offenbar hatten Frau Kohl und Frau Löbl ihr Upcycling-Zeug wieder bei mir im Büro zwischengelagert – und auch der Bischofsstab sah aus, als wäre er beim Römertag schon einmal eine Lanze gewesen. „Ehrlich, Boss, du gibst ein trauriges Bild ab!“

Das Känguru hatte sich auf meinen Bürostuhl gesetzt, öffnete ungefragt sämtliche Schubladen und malte Blumen und Simpsonsfiguren auf meinen Schreibtisch. „Was soll ich machen, keiner der Kollegen wollte den Nikolaus für die Fünftklässler spielen!“ – „Waaaas? Das lässt du dir gefallen, du bist doch der Chef. Natürlich nicht, was meine Känguruhoheit angeht. Aber ansonsten hast du hier doch das Sagen!“

Da kam mir plötzlich eine Idee. „Lass uns wetten. Wenn du es schaffst, einmal durch das Schulhaus zu hüpfen, ohne irgendwelchen Unsinn anzustellen, hole ich dir drei Wochen lang am Stück mittags und abends deine Lieblingspizza von der Pizzeria Adria. Wenn ich gewinne, dann...“ - „Abgemacht!“ - „Willst du den Satz nicht zu Ende hören?“ Das Känguru winkte ab und hüpfte freudig aus meinem Büro.

Ich nahm mein Primzahl-Malen-Nach-Zahlen und begann mit dem Ochsenblutrot. Auf einmal steckte Herr Triphan ärgerlich seinen Kopf durch die Tür: „Ist das Ihr Känguru, Herr Eisentraut?“ Ich nickte und schämte mich schon einmal im Vorfeld. „Es hat sich in der Turnhalle mehrere Fünftklässler geschnappt, in seinen Beutel gestopft und hüpft nun wie verrückt immer wieder über den Schwebebalken. Angeblich sei dies ein von Ihnen angeordneter Test zur Entwicklung einer KI am Gymnasium?!“ Oh Gott, oh Gott! Das war ja noch schlimmer, als ich befürchtet hatte.

Nachdem ich das Känguru in der Turnhalle zur Rede gestellt hatte, wo sich zum Glück auch nur einige wenige Kinder übergeben hatten – die mich im Übrigen sehr irritiert ansahen – grinste das Känguru wieder einmal unverschämt in meine Richtung. „Gewonnen!“ - „Das nennst du keinen Unsinn? Natürlich hast du nicht gewonnen!“, entgegnete ich gereizt. „Doch. Oder hast du mal in den Spiegel geschaut?“ Mist. Ich hatte das Nikolauskostüm noch an und den Plastikmüllsack in der Hand. Die Fünftklässler scharten sich schon um mich und hofften auf Geschenke. Ich musste improvisieren. „Ähhmmm, also, ich, der Nikolaus vom GCE, gebe offiziell bekannt, dass heute kein einziger Fünftklässler irgendwelche Hausaufgaben machen muss...“ Zufrieden checkte das Känguru mit einem der Jungen ein, wobei es diesen hierbei fast an die Wand klatschte.

„Was machen wir nun mit dem Plastikmüll?“, fragte ich, als die Kinder in der Umkleidekabine verschwunden waren. Ich hatte keine Lust, diesen wieder mit in mein Büro zu nehmen. Das Känguru grinste: „Holla-bolla-Rumpelsack. Niklas trägt ihn huckepack. Schau nicht so! Komm, ich gab dir eine Pizza von der Adria aus. Kannst du mir Geld leihen?“

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern