WELTERBE

[lautschrift Adventskalender] #23

Magie des Schnees

Draußen vor dem Fenster tropfte das Wasser von den kahlen Zweigen und im Garten eines Nachbarn blinkte ein kitschiges Rentier durch die aufziehende Dunkelheit. Skadi lehnte ihren Kopf gegen die Fensterscheibe und seufzte. Noch nie war die Stimmung vor Heiligabend so wenig weihnachtlich gewesen wie dieses Jahr. Seit zwei Wochen regnete es in einem fort, die Temperaturen stagnierten bei fünf Grad, sodass sie die Hoffnung auf Schnee schon lange aufgegeben hatte, und ihre Oma aus Norwegen war dieses Jahr auch nicht zu Besuch. Skadi vermisste ihre Kindheit. Früher war ihre Familie morgens immer in den Wald gefahren, um dort einen Baum für die Tiere zu schmücken, danach wurde der Christbaum zu Hause geschmückt, und wenn es dann dunkel war, sangen sie Weihnachtslieder und aßen Plätzchen, bevor Skadi ihre Geschenke auspacken durfte. Aber heute musste ihr Vater Torge morgens etwas erledigen, weshalb ihre Mutter Marina sauer gewesen war und ihm Vorwürfe gemacht hatte, dass er zu viel arbeite und sich keine Zeit mehr für die Familie nehmen würde.

Nachdenklich zupfte Skadi ihre Stulpen zurecht. Wenn sie so darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass ihre Eltern sich in letzter Zeit häufiger stritten als normal: darüber, wer zu wenig im Haushalt machte oder wer zu wenig Zeit hatte, und zu guter Letzt gaben sie sich gegenseitig die Schuld daran, dass ihre Tochter schlechter in der Schule geworden war und zugenommen hatte. Skadi donnerte ihren Kopf gegen das Glas. Anderen konnte es doch wohl egal sein, wie sie aussah. „Du kannst runterkommen, der Kakao ist gleich fertig!“, rief Marina von unten. „Ich komm gleich“, antwortete sie und rutschte von der Fensterbank. „Positiv denken, der Abend wird schön“, sprach sie sich selbst Mut zu und holte drei Päckchen aus ihrem Kleiderschrank.

 „... Engel sind hereingetreten,
Kein Auge hat sie kommen seh'n,
Sie geh‘n zum Weihnachtstisch und beten,
Und wenden wieder sich und geh'n.“

 Die Familie beendete das letzte Lied. „Fröhliche Weihnachten, meine Große“, sagte Torge und schloss das Mädchen in die Arme. „Frohes Fest“, wünschte auch Marina und umarmte alle beide. Schon war Skadi ein bisschen leichter ums Herz, die Stimmung war gut und friedlich und ihre Mutter strahlte glücklich, als sie alle zusammen am Tisch saßen und das Hutzelbrot lobten, das sie zum ersten Mal ausprobiert hatte. Mit einem Kribbeln im Bauch schaute Skadi zu den Geschenken unter dem Baum. Egal wie alt sie war, Überraschungen würde sie immer lieben. „Na geh schon , meinte ihre Mutter ein wenig genervt, „Ist ja nicht auszuhalten, wie du auf deinem Stuhl umher rutschst.“ „Lass sie doch“, mischte sich Torge ein, „sie freut sich doch nur.“ „Diese Ungeduld macht mich wahnsinnig, Weihnachten sollte entspannt sein und außerdem geht es nicht nur um die Geschenke. Mir geht dieser ganze Konsum in dieser Jahreszeit so auf die Nerven. Es geht nur noch darum möglichst große und teure Geschenke zu bekommen und zu kaufen. Die Leute sollten sich lieber direkt miteinander beschäftigen, sich unterhalten, spazieren gehen, was man in der Adventszeit halt macht.“ „Du hast Recht, Mama. Ich finde auch, dass die Geschenke nicht das Wichtigste sind. Und es macht mir auch nichts aus zu warten, bis du auch bereit bist. Die Plätzchen sind nämlich wirklich lecker“, versuchte Skadi die Situation zu retten. „Ach nein, ist schon gut, tut mir leid, Skadi“, entschuldigte Marina sich, „mir hat nur diese Vorweihnachtszeit so zu schaffen gemacht, ich halte keine Hektik mehr aus. Aber Torge und ich sind glaube ich sowieso gleich fertig, lass uns noch unseren Tee austrinken, dann setzen wir uns zusammen unter den Weihnachtsbaum.“

 Nachdem sie ihren Eltern ihre Geschenke gegeben hatte, besah sie die Gaben unter der Tanne genauer. Als erstes fiel ihr ein kleines Päckchen auf, dessen Papier so auffällig und bunt war, dass es nur von ihrer Oma kommen konnte. Neugierig streifte sie die Paketschnur ab und faltete die Verpackung auseinander. Ein kleines Döschen aus Holz kam zu Vorschein, und als sie auch das öffnete, erblickte sie einen schwarzen Stein, der an einem Lederband hing. Ihr Vater drückte ihr einen Kuss auf die Wange und lenkte sie von der Dose und ihrem Inhalt ab. „Woher wusstest du, dass ich das Buch noch nicht kenne?“ „Weil die Bücherei es nicht hat und du auch nicht“, grinste sie ihn an und wandte sich dann wieder der Kette zu. Der Stein war nicht einfach nur schwarz. Weiße Flocken waren über die Oberfläche gesprenkelt. „Die ist ja schön, vielen Dank Skadi!“, freute sich ihre Mutter, als drei Knäuel Wolle aus dem Geschenkpapier rollten. „Ich hab die Frau aus dem Laden gefragt, was sie mir für dich empfiehlt und dann hat sie erzählt, dass du letztens da warst und nach Sockengarn gefragt hast und sie danach noch eine neue Lieferung bekommen hat. Ich dachte, dass dir die Farbe bestimmt gefällt.“ „Das tut sie, und wie! Mich juckt es gerade total in den Fingern, direkt anzufangen“, sagte Marina. „Nein, warte, ich hab doch noch ein Geschenk für euch beide“, meinte das Mädchen und holte das dritte Päckchen unter den Zweigen hervor. „Bitteschön, ich hoffe ihr mögt es.“ Torge zerschnitt vorsichtig mit einer Schere die Klebestreifen und schlug das Papier zurück. Auf der ersten Seite stand mit Goldstift: »Für Mama und Papa, in Erinnerung an einen wunderschönen Urlaub, eure Skadi« und dann folgten Fotos, die die Familie in den Bergen zeigten oder den Steinbock, der an einem Abend bei der Hütte aufgetaucht war. „Das ist wundervoll“, bedankte sich ihr Vater und zog sie in eine Umarmung. „Oh, zeig mal, ist das das Geschenk von meiner Mutter?“ wollte er wissen, als er die Kette entdeckte, die Skadi immer noch in der Hand hielt. „Ja, schön, oder?“ Auch Marina beugte sich jetzt vor, um sie zu begutachten, „Ich glaube, der Anhänger ist aus Obsidian. Da hat sie mal wieder was wirklich Schönes gefunden, deinen Oma. Komm, ich leg sie dir um“, sagte sie und schob die zwei Knoten zusammen, sodass die Kette länger wurde und hängte sie ihr dann um den Hals. „Hast du unser Geschenk noch gar  nicht aufgemacht?“ fragte sie als nächstes. „Dazu bin ich noch nicht gekommen, warte“, sagte Skadi, „Ist es das hier?“ Und zog einen Umschlag unter einem Päckchen hervor, das sehr nach einem Buch aussah. Torge nickte und sie öffnete den Brief. Auf der Karte, die sie daraus hervor zog, stand: »Gutschein für eine Reise nach London« Sie hob verwirrt den Kopf: „Ihr kommt nicht mit?“ Es war schon lange Tradition, dass sie ihr Weihnachtsgeschenk in Form eines Gutscheins bekam, denn Reisen konnte man anders schlecht verschenken. „Wir wissen, dass wir früher immer zu dritt weggefahren sind, aber wir sind der Meinung, dass du jetzt alt genug bist, um auch mal alleine oder mit einer Freundin wegzufahren. Das ist bestimmt viel cooler, als mit deinen alten Eltern. Außerdem hat Torge wahrscheinlich das ganze Jahr viel zu tun und wenn ich mitkommen würde, müsste er auch mit.“ „Tut mir leid, Skadi, aber ich habe in letzter Zeit so viele Aufträge bekommen, ich bin schon glücklich, wenn ich mir für unseren Sommerurlaub zwei Wochen frei nehmen kann.“ Sie schluckte. So war das wohl, wenn man groß wurde – alles veränderte sich. Sie hörte den Regen wieder gegen die Scheibe prasseln und wünschte sich in dem Augenblick nichts sehnlicher, als dass wenigstens wie früher Schnee liegen würde und sie am nächsten Morgen draußen zusammen toben würden. Sie fasste an den Anhänger, der kühl um ihren Hals hing und betrachtete die weißen Flecken, die sie an Schneeflocken erinnerten, die im gelben Schein einer Laterne tanzten. Sie betrachtete den geschmückten Baum. Wenigstens der sah noch so aus wie früher. Während sie nach einem weiteren Geschenk griff, zog Marina die Vorhänge zu und setzte sich dann neben Torge auf das Sofa. Ihr Vater hatte schon angefangen in dem Buch zu lesen, das Skadi ihm geschenkt hatte und seine Frau vertiefte sich in einen Brief ihrer besten Freundin. Skadis andere Oma schenkte ihr einen selbstgestrickten Pullover, den sie gleich überzog. Sie mochte dicke Pullis. Irgendwann setzte auch sie sich mit einem neuen Märchenbuch in einen Sessel und überbrückte so die Zeit bis zum richtigen Abendessen, bevor sie dann alle zusammen in den Mitternachtsgottesdienst gehen würden.

 Skadi wickelte sich gerade noch einen Schal um den Hals, als Torge die Haustür öffnete und überrascht sagte: „Es schneit!“ „Was? Wirklich?“, fragte sie aufgeregt und drängte sich an ihm vorbei nach draußen. Tatsächlich segelten vereinzelte Flocken durch die Luft, die jetzt spürbar kälter war, und schmolzen, sobald sie den Boden berührten. „Ist das cool! Vielleicht bleibt der Schnee ja liegen, wenn wir aus der Kirche kommen!“, freute sie sich und nahm ihre Eltern an die Hand. Fröhlich liefen sie durch die verlassenen Straßen und wie ein kleines Kind versuchte das Mädchen, die Flocken mit seiner Zunge zu fangen. Je länger sie unterwegs waren, desto dichter wurde der Schneefall. Euphorisch betrat sie die große Kirche und auch ihre Eltern schienen entspannter als sie es zu Hause gewesen waren. Im Inneren des alten Gebäudes empfing sie eine wohlige Wärme und die Kerzen, die als einzige Lichtquelle dienten und von denen jeder am Eingang eine erhielt, verströmten einen Geruch, den Skadi mit Weihnachten verband. Marina suchte ihnen einen Platz aus, denn sie war diejenige, die tatsächlich in den Gottesdienst ging, weil sie an Gott glaubte. Torge und seine Tochter liebten nur die Atmosphäre der Mitternachtsmette und die Tradition, die dahinter stand. Die Orgelklänge versetzten Skadi in einen träumerischen Zustand, sodass sie von der Predigt nur am Rande etwas mitbekam und aufschreckte, als die Menschen sich zum Gebet erhoben. Sie stand ebenfalls auf, dachte während des Gebets aber nicht an Gott, sondern versuchte sich zu leeren. Dann schaute sie an die Decke und bewunderte den Stuck und das Blattgold, das an der Decke und an den Säulen prangte und das im Kerzenschein wunderbar funkelte.

 Als die letzten Orgelklänge verstummt waren, öffnete sie die Augen wieder, die ihr in den letzten Minuten immer wieder zugefallen waren. Marina umarmte sie und flüsterte: „Nochmal schöne Weihnachten, ich hab dich ganz doll lieb, meine Kleine.“ Skadi legte den Kopf auf der Schulter ihrer Mutter ab und war glücklich, weil in diesem Moment alles so war wie früher. Von ihrem Vater ließ sie sich durch die Menge schieben, weil sie unfassbar müde geworden war. Als sie durch die großen Tore traten, schlug ihnen eiskalte Luft entgegen und Skadi schaute fasziniert zu, welche Formen ihr Atem in die Nacht malte. Der Boden war schon mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt und immer noch tanzten die Flocken im Licht der Laternen. Langsam entfernte sich die Familie von der Kirche und die Mutter stimmte ein Lied an, in das die anderen zwei bald einstimmten:

„Leise rieselt der Schnee,
Still und starr ruht der See,
Weihnachtlich glänzet der Wald:
Freue dich, Christkind kommt bald!

In den Herzen wird's warm,
Still schweigt Kummer und Harm,
Sorge des Lebens verhallt:
Freue dich, Christkind kommt bald!“

Nachdem Torge die Haustür aufschloss, fragte Marina ihre Tochter: „Setzt du dich noch mit unter den Baum? Wir wollen die Kerzen nochmal anzünden.“ Doch die schüttelte schon im Halbschlaf den Kopf und murmelte, „Ich geh ins Bett, gute Nacht.“ Dann wankte sie die Treppe hoch und ihre Eltern schauten ihr verwirrt hinterher. Normalerweise war Skadi eine Nachteule, wie sie im Buche stand, und ging am Wochenende und auch unter der Woche selten vor ein Uhr ins Bett.

 Als Skadi aufwachte, war ihr Zimmer weder hell noch dunkel. Irgendetwas dämpfte das Licht, das sonst durch die zwei Dachfenster fiel, aber sie brauchte lange, um darauf zu kommen, was das war. Doch dann sprang sie so schnell sie konnte aus dem Bett, zog sich in Windeseile eine Hose und ihren dicksten Pulli an und stürzte die Treppe hinunter. Sie machte noch kurz halt, um in ihre Stiefel zu schlüpfen, bevor sie die Terrassentür aufriss und durch den Schnee tollte, der die Erde bedeckte. Sie machte Schneeengel, formte Kugeln und warf das kalte Weiß in den blauen Himmel, sodass die Eiskristalle im Sonnenlicht glitzerten. Jetzt war es doch noch irgendwie ein Weihnachten wie früher geworden. In dem Moment, in dem sie das gedacht hatte, schob sich eine kalte Hand in ihren Nacken, und kurze Zeit später steckte sie mit dem Kopf im Schnee. „Papa, lass das, das ist kalt!“ rief sie empört und versuchte sich aus der Umklammerung zu befreien, als Marina ebenfalls in den Garten kam und anfing, die zwei mit Schneebällen zu bewerfen. Torge ließ sie los und stürzte sich stattdessen auf seine Frau, die kichernd wegrannte, während Skadi weitere Geschosse formte und dann anfing, auf ihre Eltern zu zielen. Die Schlacht wogte hin und her, mal tat Torge sich mit seiner Tochter zusammen, mal verbündete die sich mit ihrer Mutter und am Ende waren sie alle außer Puste und gingen mit roten Backen und kalten Händen zurück ins Haus. Zusammen deckten sie den Frühstückstisch mit Stollen, den Freunde vorbeigebracht hatten, Mandarinen, Äpfeln und einer großen Kanne Tee. Als sie sich gerade setzen wollten, klingelte das Telefon und Marina nahm ab. Skadi erwartete schon, dass ihr Vater sich jetzt aufregen würde, aber der blieb ganz entspannt. „Komm mal, Skadi, deine Oma möchte mit dir reden!“, sagte ihre Mutter und hielt ihr den Hörer hin. „God jul, min lille!“ „Dir auch Oma, und Opa natürlich auch, wie geht es euch?“, fragte sie. „Dankeschön, uns geht es hervorragend. Wir haben uns auch sehr über deine Geschenke gefreut, du hast dir wirklich was Gutes ausgedacht. Jetzt kann Opa nicht mehr über kalte Füße meckern, weil ich dann sagen kann, „deine Enkelin hat dir so schöne Strümpfe gestrickt, zieh die doch an!“. „Das war wirklich eine gute Idee. Aber jetzt erzähl, wie war euer Fest?“ „Total schön, als wir in die Kirche gegangen sind hat es angefangen zu schneien und jetzt liegen bestimmt zwanzig Zentimeter.“ Wieder schaute sie aus dem Fenster, weil sie nicht begreifen konnte, dass es tatsächlich passiert war. „Ein kleines Wunder, hm?“ murmelte sie geheimnisvoll. „Erinnerst du dich noch an das Märchen, von der Göttin des Winters?“ Skadi runzelte die Stirn, „du meinst das mit dem Jungen, dessen Familie so zerstritten ist und der sich nichts anderes als Frieden und Liebe wünscht?“ „Genau das meine ich. Am Ende zieht die Königin der Kälte eine dicke Schneedecke über das Land, unter der die Probleme verschwinden. Immer noch lauscht sie des Nachts den Herzenswünschen der Menschen und wie du weißt glaube ich an die alten Götter...“ „Du willst sagen, das war kein Zufall?“ hakte das Mädchen verwirrt nach. „Vielleicht, wer kann das schon wissen. Ich muss Schluss machen, deine Tante kommt gleich zum Weihnachtsfrühstücke vorbei und der Tisch ist noch nicht gedeckt. Ich glaube in dem Märchenbuch, das sie dir schenken wollte ist die Geschichte auch abgedruckt. Grüß deine Eltern ganz lieb und noch schöne Feiertage, meine Große.“ „Warte, Oma, was soll das alles bedeuten?“ versuchte sie noch zu fragen, als das Freizeichen ertönte.

 Nach dem Frühstück kuschelte Skadi sich in einer Decke auf die Couch, schlug die alte Legende auf und fing an zu lesen, während draußen der Schneefall wieder einsetzte und ihre Eltern zu einem langen Spaziergang aufbrachen. Die nächsten Tage waren voller Liebe und Geborgenheit und das Mädchen war so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Inka Baumgart, Q12

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern