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[lautschrift] @Potterfans: Kräuterkunde mit Frau Kohl

Reine Mathematik

oder Kräuterkunde mit Frau Kohl

Zwei gigantische Pausenhallen mussten wir durchqueren, bis ein von Efeu überwuchertes Tor uns in den Schulgarten der Zauberschule führen sollte. Dieser Garten, betrachtete man ihn von außen, schien im Gegensatz zum Rest des Geländes recht winzig und heruntergekommen zu sein. Rechts befand sich eine kleine, morsche Schulbank und eine Tafel, wie man sie aus Muggelschulen kannte. Zwischen vereinzelten Büschen und Bäumen konnten gute Augen einen Tümpel entdecken – oder war es eine Pfütze? Das hohe, wuchernde Gras verdeckte jegliche Sicht.

In keiner Weise konnte ich mir vorstellen, wie hier Unterricht stattfinden sollte. Auch die Lehrerin war noch nirgends zu sehen. Doch kaum traten wir durch das Tor in den Garten, raubte uns das Werk der Zauberei erneut den Atem.

Aus der alten Schulbank wurden lange, ausladende Sitzreihen. Sie sahen keineswegs morsch, sondern neu und majestätisch aus. Die Tafel hatte sich in eine Leinwand verwandelt. Dahinter schossen Bäume in die Höhe, deren Krone nicht einmal ein Riese sichten könnte. Sie trugen die exotischsten Früchte, in Farben, die sie wie bunte Ballons und den Schauplatz wie eine gigantische Geburtstagsparty aussehen ließen. Die Büsche nahmen die lustigsten Formen an und trugen Massen an Beeren. Und dahinter markierte ein riesiger See die Landschaft, dessen Ufer sich weit entfernt am Horizont ersteckte. Ich schrak zurück, als ich eine Flosse darin schwimmen sah, so lang wie der Express, der uns zur Schule gebracht hatte.

Jetzt endlich erkannten wir auch unsere Lehrerin, die in ihrem langen, geblümten Kleid in den Büschen hervorragend getarnt war. Sie hatte kurzes, gräuliches Haar, trug eine Brille und auf ihrem Kopf thronte ein langer, verschlissener Hut, in dem ein paar Blätter hingen. Der gab in ihrem Gesamtauftreten keinen Aufschluss darüber, ob sie eine strenge Autoritätsperson oder eine sanftmütige Kinderliebhaberin war.

„Willkommen im Schulgarten! Ich bin Frau Kohl, die einzige auf ihrem Gebiet, wenn ich das so sagen darf. Wer mit mir nicht zurechtkommt, hat`s hier also verhunzt.“

Ob das ein Scherz oder eine Drohung war, fragte ich mich erst später, zunächst dachte ich nur, dass ihr Nachname – ganz zu schweigen von dem Kleid - wunderbar zu ihrem Fachgebiet der Pflanzen- und Kräuterkunde passte.

„Viel zu erzählen gibt`s nicht, jeder schnappt sich ein paar Handschuhe und seinen Zauberstab“, fuhr sie den Unterricht fort. „Nehmen wir einmal an, jeder von euch ist durchschnittlich 1.70 groß, und ich verrate euch, dass der kleinste Holunderbusch hier im Schulgarten knappe sieben Meter hoch ist – lassen wir in unsere Berechnung nun mit einfließen, dass ihr hier keinerlei Leitern finden werdet, dann wird man feststellen, dass die Holunderernte Zauberei ist. Hierfür der Zauberstab. Das ist reine Mathematik.“ Aus ihrem Munde klang es wie eine logische Rechnung. „Zusehen, dann nachmachen.“ Mit diesen Worten schwang sie ihren Zauberstab: „Accio Holunderbeeren!“ Hunderte, Tausende Beeren fielen vor ihr zu Boden, zahlreiche direkt auf ihren Hut und stießen ihn um. Frau Kohl packte nun einen der bereitstehenden Eimer und überlegte kurz. „Einmal eins ist Donnerstag, Freitag war der erste. Tausenddreihundertsiebenundzwanzig geteilt durch vierundneunzig, ein Kinderspiel. Pro Eimer also exakt fünfhundert Beeren.“ Und mit einem weiteren Schwung ihres Zauberstabs war der Eimer voll. „Ihr seid noch jung, schlank und rank, ihr werdet Beere für Beere auflesen. Wer seinen Eimer voll hat, geht damit zu Professor Snape. Er braut damit Holundersirup. Das ist weder ein Wundertrank noch hat es sonst irgendeine Funktion, mal abgesehen davon, dass das Zeug unverschämt lecker ist, aber wir können es prima am Schulfest verkaufen!“ Und mit einem Wink befahl sie uns, anzufangen.

Der Rest der Unterrichtsstunde war reine Mathematik.

Alina Seidel (Q12)

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern