#GCE goes digi

[AvH] #14 Humboldt unter Strom

Auf der Suche nach der "Lebenskraft".

In seinen „fränkischen Jahren“, in denen er auch zahlreiche außerfränkische Orte aufsuchte, beschäftigte sich Alexander von Humboldt neben vielem anderen intensiv mit dem Galvanismus, der im ausgehenden 18. Jahrhundert als biologische Grundlagen-Disziplin betrachtet wurde.

In Wien „[…] erfuhr er auch erstmals von Luigi Galvanis [1737 - 1798] Versuchen über „tierische Elektrizität“ bei Fröschen. Durch Zufall hatte der italienische Physiologe und Physiker entdeckt, dass das präparierte Bein eines toten Frosches bei der Berührung mit zwei verschiedenen Metallen zuckte. Nach weiteren Versuchen ging Galvani davon aus, dass sich im Froschschenkel eine Elektrizitätsquelle befinden müsse.

Kaum war Alexander von Humboldt nach Franken zurückgekehrt, begann auch er mit galvanischen Versuchen. Sie eröffneten ihm neue Perspektiven auf sein wichtigstes Untersuchungsfeld, das Geheimnis des Lebens. […] Selbst auf seine Dienstreisen nahm er nun galvanische Instrumente mit, um jederzeit experimentieren zu können […] Hier zeigte sich Humboldt als Mitbegründer moderner wissenschaftlicher Expeditionsmethoden. Für seine späteren großen Forschungsreisen erweiterte und vervollkommnete er solche Techniken und wurde damit das Vorbild für ganze Generationen von Forschungsreisenden. […]

Mit Fischen, Ziegen, Ratten, Mäusen, Kröten und vielen anderen Tieren experimentierte er […]. Er schreckte auch nicht davor zurück, seinen eigenen Körper als Untersuchungsobjekt zu nutzen. In schmerzhaften Selbstversuchen ersetzte er Galvanis Frösche gewissermaßen durch sich selbst […]. Nicht zum letzten Mal zeigt sich bei diesen Experimenten seine Bereitschaft, beachtliche persönliche Risiken einzugehen, um zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.“ (aus: Holl & Schulz-Lüpertz 2012, S. 97 ff.)

1795 unternahm er am Comer See gemeinsame Untersuchungen mit dem berühmten Physiologen Alessandro Volta (1745 - 1827).

1797 und 1798 veröffentlichte er schließlich seine Ergebnisse als „Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser“ in zwei Teilen. Schon 1795 verknüpft er in den Chemischen Annalen für die Freunde der Naturlehre, Arzneygelahrthei, Haushaltungskunst und Manufakturen (Bd. 2) Ergebnisse aus seinen galvanischen Experimenten mit Erkenntnissen aus dem Bergwesen. Im Journal für die Chirurgie, Geburtshülfe und gerichtliche Arzneykunde (Bd. 1) gibt er 1797 einen ausführlichen Überblick „Ueber die Anwendung des Galvanischen Reizmittels auf die praktische Heilkunde“.

Auf seiner späteren Südamerika-Reise faszinierten ihn besonders die Zitteraale in den Flüssen Südamerikas, die für Jagd oder Verteidigung in eigenen elektrischen Organen hohe Spannungen erzeugen können.

Im regen Austausch der Wissenschaftler wurde in den folgenden Jahren klar, dass man zum Einen durch die Reaktion zweier unterschiedlich edler Metalle mit einem verbindenden Elektrolyt elektrische Ströme erzeugen kann (Volta; z.B. auch in der bekannten „Zitronen-Batterie“), aber zum Anderen auch, dass es eine biogene „tierische Elektrizität“ gibt (Galvani; Nachweis erst 1842 durch Emil Du Bois-Reymond (1818 - 1896) und Carlo Matteucci (1811 - 1868)).

Für Humboldt wurde dabei auch deutlich, dass die von ihm gesuchte „Lebenskraft“ in Organismen nicht einer einzelnen Substanz zuzuschreiben ist, sondern sich nur aus dem komplexen Wechselspiel verschiedenster Kräfte, Stoffe und Wirkmechanismen ergibt. (nach: Holl & Schulz-Lüpertz 2012, S. 102)

Diese Grunderkenntnis, dass alles miteinander wechselwirkt, prägte seine Betrachtung der Welt und seine wissenschaftliche Herangehensweise bei späteren Forschungsarbeiten nachhaltig.

zurück zu #13 - weiter zu #15

Mehr zum Humboldt-Jahr 2019: Stationen - Aktionen  - Informationen

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern