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[AvH] #15 Die Klassiker: Goethe und Schiller

Johann Wolfgang von Goethe war nicht nur der berühmteste Dichter Deutschlands, sondern auch ein begeisterter Naturforscher. Auch ihn „[…] bewegte zu jener Zeit die Frage, wie sich das Geheimnis des Lebens naturwissenschaftlich erklären lasse. Auf Vermittlung von Wilhelm von Humboldt lernte er dessen Bruder im März 1794 bei einem Besuch in Jena kennen. […] Gemeinsam [besuchten sie dort anatomische Vorlesungen und führten] unzählige galvanische Experimente durch.“ Durch ihren intensiven Gedankenaustausch beeinflussten sie sich gegenseitig in ihrer Herangehensweise an naturwissenschaftliche Fragestellungen: Während Goethe die Natur mit einer „ganzheitlichen Sichtweise“ betrachtete, waren für Humboldt zu dieser Zeit Messdaten, Berechnungen und experimentelle Ergebnisse die Grundlage für daraus abgeleitete Ordnungsbeziehungen und systematische Strukturen in der Natur. „Aus diesen verschiedenen Ansätzen schöpften Alexander von Humboldt und Goethe, die von nun an in einem lebenslangen Austausch blieben, eine immer wieder neue gegenseitige Inspiration. Seine Begegnung mit Goethe trug dazu bei, dass auch Humboldt fortan die Gesamtheit der Natur mehr in den Blick nahm als zuvor.“ [Holl & Schulz-Lüpertz 2012, S. 102 ff.] Humboldt wurde dadurch angeregt, die Natur nicht nur mit Instrumenten zu vermessen und zu berechnen, sondern auch mit den eigenen Sinnen und Gefühlen zu empfinden und wahrzunehmen.

So schreibt Humboldt nach Jahrzehnten naturwissenschaftlicher Forschung in den Einleitenden Betrachtungen seines großen Werks „Kosmos“ 1845: „Es ist ein gewagtes Unternehmen, den Zauber der Sinnenwelt einer Zergliederung seiner Elemente zu unterwerfen. Denn der großartige Charakter einer Gegend ist vorzüglich dadurch bestimmt, daß die eindrucksreichsten Naturerscheinungen gleichzeitig vor die Seele treten, daß eine Fülle von Ideen und Gefühlen gleichzeitig erregt werde. […]“ [Humboldt, A.v.: KOSMOS – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Frankfurt / Main, 1845 / 2004, S. 11]

Aber auch Alexander von Humboldt inspirierte Goethe zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen beispielsweise zur vergleichenden Anatomie, zu Wirkungen des Lichts auf organische Körper oder zur Physiologie der Pflanzen. Selbst Goethes spätere literarische Arbeiten am Faust waren von den Treffen mit Humboldt beeinflusst: „Dass Humboldt etwas von Goethes Faust hatte – oder Faust etwas von Humboldt –, war vielen aufgefallen […]“ [Wulf 2018, S. 62].

Umso größer war Goethes Begeisterung, als Humboldt Ende Februar 1797 nach seinem Abschied in Bayreuth von Franken nach Jena übersiedelte.

„Auch mit Friedrich Schiller kam Humboldt in Jena in intensiveren Kontakt. […]“ Schiller lud ihn sogar ein, einen literarischen Beitrag für seine Dichter-Zeitschrift zu verfassen. Jedoch: „Obwohl Alexander von Humboldt Schiller sehr bewunderte, insbesondere wegen dessen Freiheits-Idealen, schätzte dieser seine wissenschaftlichen Ideen und Arbeiten nicht besonders.“ Diese grundsätzliche Abneigung Schillers gegenüber Humboldt war aber „[…] wohl weniger in Humboldts empirischem Ansatz begründet als in seiner Rivalität gegenüber dem jungen Wissenschaftler […]“ wegen der hohen Aufmerksamkeit, die Humboldt bei Goethe genoss.

Dennoch trafen sich Alexander von Humboldt und sein Bruder Wilhelm schon von Bayreuth aus in Jena mehrfach mit Goethe und Schiller, um sich gegenseitig Gedichte vorzulesen, literarische Werke zu besprechen und intensiv naturwissenschaftliche und philosophische Theorien zu diskutieren.

(aus: Holl & Schulz-Lüpertz 2012, S. 102 ff.; ebenfalls interessant zu diesem Thema: Wulf 2018, S. 47 ff.)

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