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[AvH] #30 Voller Spannung

„Nach drei Wochen intensiver Forschungstätigkeit am Valenciasee und in den Tälern, die ihn umgaben, brach Humboldt schließlich nach Süden auf, in Richtung des Orinoco. Zuerst aber mussten die Reisenden die Llanos durchqueren. Am 10. März 1800, fast genau einen Monat nach dem Aufbruch in Caracas, ritten sie in die öde, mit Grasbüscheln bewachsene Ebene der Llanos. […] Auf halber Strecke durch die Ebene erreichten sie das Handelsstädtchen Calabozo. Als Humboldt von den Einheimischen hörte, dass viele der flachen Tümpel in der Gegend von Zitteraalen verseucht seien, vermochte er sein Glück kaum zu fassen. Seit seinen Experimenten mit tierischer Elektrizität in Deutschland hatte Humboldt sich immer gewünscht, einen dieser außergewöhnlichen Fische zu untersuchen. Er hatte seltsame Geschichten über diese anderthalb Meter langen Geschöpfe gehört, die elektrische Schläge von mehr als 600 Volt erzeugen konnten.“ (aus: Wulf, S. 89 ff.)

„Nirgends findet man den electrischen Aal, (Gymnotus electricus L.), in größerer Menge, als in den kleinen Flüssen und in den vielen stehenden Gewässern oder Sümpfen des Theils von Guyana, welcher zwischen dem Oronoco und der Küsten-Cordillere von Venezuela liegt, und das aus ungeheuren meist dürren Ebenen besteht […] Fast auf jeder Quadratmeile finden sich hier drei oder vier Sümpfe, welche eben so viel von der Natur gemache Fischbehälter für die Zitteraale zu seyn scheinen, die sich darin in großer Zahl befinden. […]

Um unsere Versuche mit aller Genauigkeit anstellen zu können, wünschten wir, daß man uns electrische Aale in das Haus brächte […] todte Zitteraale hätten wir in jeder Menge haben können, aber eine fast kindische Furcht verhinderte die Eingeborenen, sie lebendig fortzutragen. Wir haben uns zwar in der Folge überzeugt, daß es allerdings sehr unangenehm ist, es mit diesen Fischen zu thun zu haben, wenn sie noch bei ganzer Kraft sind […] Wir faßten nun den Entschluß, uns selbst an Ort und Stelle zu begeben, und dort die Versuche in freier Luft, am Ufer der Sümpfe anzustellen, in welchen die Zitteraale wohnen. […]

Wir geriethen nicht wenig in Verwunderung, als wir hörten, man wolle in die benachbarten Savannas gehen, und dort einige dreißig halbwilde Pferde zusammen treiben, um sich ihrer bei diesem Fischfange zu bedienen […] Das interessante Schauspiel, das sich uns nun darbot, des Kampfs der Zitteraale gegen die Pferde, läßt sich mit Worten nur sehr unvollkommen schildern. […] Die durch den Lärm der Pferde geschreckten Zitteraale vertheidigten sich mit wiederholten Entladungsschlägen ihrer electrischen Batterieen, und eine Zeit lang schien es, als würden sie den Sieg über die Pferde und Maulesel davon tragen. Mehrere von diesen durch die Menge und Stärke der electrischen Schläge betäubt, verschwanden unter dem Wasser; einige derselben, die sich wieder aufrichteten, erreichten ungeachtet der Wachsamkeit der Indianer das Ufer, und streckten sich hier, durch die Anstrengung erschöpft, und durch die starken electrischen Schläge an allen Gliedern gelähmt, der Länge nach auf die Erde. […] In weniger als fünf Minuten waren zwei Pferde ertrunken. Die Aale, deren mehrere über 5 Fuß Länge hatten, schlüpften den Pferden und Mauleseln unter den Bauch, und gaben dann Entladungen ihres ganzen electrischen Organs. Diese Schläge treffen zugleich das Herz, die Eingeweide und besonders das Nervengeflecht des Magens. Es ist daher nicht zu verwundern, daß der Fisch auf ein großes vierfüßiges Thier viel mächtigere Wirkung, als auf einen Menschen hervor bringt, der ihn nur mit den Extremitäten berührt. […]

Die Indianer versicherten indeß, die Jagd werde bald geendigt seyn, und nur der erste Sturm der Zitteraale sey furchtbar. In der That kommen die Aale nach einiger Zeit in den Zustand entladener Batterieen, sey es nun, daß die galvani’sche Electricität sich durch die Ruhe in ihnen gehäuft hatte, oder daß ihr electrisches Organdurch einen zu häufigen Gebrauch ermüdet und zu ferneren Verrichtungen unbrauchbar gemacht wird. […] und wir konnten deutlich beobachten, wie die natürliche Electricität dieses Fisches nach der verschiedenen Stärke der Lebenskraft sich modificiert. […]

[…] Wenn man gesehen hat, daß die Zitteraale ein Pferd sinnlos zu Boden werfen, so darf man wohl sich fürchten, sie in den ersten Augenblicken, nachdem sie an das Land gezogen worden, zu berühren. Diese Furcht ist bei den Eingeborenen so groß, daß sich keiner dazu verstehen wollte, die electrischen Aale von dem Stricke der Harpune zu loszumachen, und sie in die kleinen mit frischem Wasser gefüllten Löcher zu tragen, welche wir an dem Ufer des Sumpfes ausgehöhlt hatten. Wir mußten uns dazu verstehen, selbst die ersten Schläge auszuhalten, und diese waren fürwahr nicht sanft. Die stärksten schienen mir schmerzhafter zu seyn, als die heftigsten electrischen Schläge, die ich mich von einer großen völlig geladenen Flasche je erhalten zu haben entsinne.

Wir begriffen nun sehr wohl, daß es nicht zu den Uebertreibungen gehörte, wenn die Indianer erzählten, daß jemand, der schwimmt, unfehlbar ertrinkt, wenn ihm ein Zitteraal an die Beine oder an die Arme einen Schlag versetzt. Eine so heftige Erschütterung kann dem Menschen sehr leicht den Gebrauch seiner Glieder auf mehrere Minuten entziehen; ja, es könnte selbst der augenblickliche Tod erfolgen, wenn der Fisch, indem er längs des Bauchs und der Brust hinschlüpft, eine kraftvolle Entladung gäbe, weil dann die edlern Theile, das Herz, das gastrische System, der plexus coeliacus, und alle Nerven, die davon abhängen, zugleich ihrer Reizbarkeit beraubt werden würden. Nur eine schwache Electricität vermehrt, wie bekannt, die Lebenskräfte, eine starke vernichtet sie.“ (aus: Bärtschi, S. (Hrsg.): Alexander von Humboldt – Tierleben, Berlin, 2019)

„Die Aale brachten Humboldt auch auf das allgemeinere Thema Elektrizität und Magnetismus. Während er das brutale Zusammentreffen zwischen Aalen und Pferden beobachtete, dachte er an die verschiedenen Kräfte, die Phänomene erzeugen wie Blitze, Anziehung zwischen Metallen oder die Bewegungen der Kompassnadeln. Wie so häufig begann Humboldt mit einer Einzelheit oder einer Beobachtung und gelangte von dort zum größeren Zusammenhang.“ (aus: Wulf, S. 92)

Inzwischen kann man auch experimentell bestätigen, dass Zitteraale zur Verteidigung gegen Angreifer vom Land sogar gezielt aus dem Wasser springen, um so eine stärkere Entladung erzeugen zu können (K.C. Catania, 2016). Außerdem unterscheidet man inzwischen drei genetisch getrennte Arten von Zitteraalen, von denen eine Stromschläge mit einer Spannung von bis zu 860 Volt erzeugen kann.

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