Gebet

[AvH] #38 Pfeilgift auf der Zunge zergehen lassen

Humboldts Curare-Selbsttest

„Ein paar Meilen oberhalb der Gabelteilung  [am Rio Casiquiare], […] befindet sich die Mission Esmeralda, ein kleiner Weiler mit 80 Einwohnern, die isolierteste und abgelegenste christliche Niederlassung am oberen Orinoco. […]

Esmeralda ist in der indianischen Welt des Oberen Orinoco der berühmteste Ort für die Zubereitung des curare, eines Pfeilgiftes, das die Indios zur Jagd benutzen. Sie verschießen mit ihren Blasrohren sehr treffsicher, vergiftete Pfeile. Curare gilt aber auch als Heilmittel. […] Die Zubereitung ist eigentlich ein  Geheimnis, das sich nur vom Vater auf den Sohn vererbt, doch Alexander und Aimé gewinnen rasch das Vertrauen eines solchen weisen Mannes. Das Gift wird aus der Rinde einer Liane hergestellt. Die Rinde wird mit einem Stein zerstoßen. Die zermahlene Masse kommt dann in ein trichterförmig gerolltes Bananenblatt, darüber wird heißes Wasser gegossen. Die unten auslaufende gelbliche Flüssigkeit ist bereits hoch giftig. Sie wird in tönernen Gefäßen erhitzt und eingedickt, bis eine breiartige Masse entsteht. Es schmeckt sehr angenehm bitter, und Bonpland und ich […] haben oft davon kleine Mengen verschluckt. Gefahr ist keine dabei, wenn man nur sicher ist, dass man an den Lippen oder am Zahnfleisch nicht blutet. Pater Zea tötet jeden Morgen mit curare das Huhn, das gegessen werden soll. Nach einem Stich in den Schenkel tritt der Tod in zwei bis drei Minuten ein.“ (aus: Biermann 2008, S. 181 ff.)

Heute versteht man Curare als Sammelbezeichnung für verschiedene alkaloidhaltige Substanzen aus verschiedenen Pflanzen, beispielsweise Arten der Brechnuss, die von den südamerikanischen Ureinwohnern als Pfeilgifte verwendet werden.

Die Gewöhnliche Brechnuss Strychnos nux-vomica dagegen enthält das lähmende Strychnin, das früher als Rattengift eingesetzt wurde.

Curare wirkt an muskelerregenden Acetylcholin-Rezeptoren des Nervensystems als Konkurrent zum eigentlichen Neurotransmitter Acetylcholin und verursacht daher Muskellähmungen. Betreffen diese die Atemmuskulatur, kann dies zum Tod durch Atemstillstand führen. Nimmt man Curare jedoch über den Verdauungstrakt auf, wird das Gift zersetzt bzw. die Mengen, die dann noch ins Blut gelangen, sind für eine Giftwirkung nicht mehr ausreichend, wie es auch Humboldt bereits beschrieben hatte.

Die Pfeilgifte Epibatin oder Batrachotoxin aus den farbenfrohen Pfeilgift-oder Baumsteigerfröschen wirken ebenfalls als Acetylcholin-Antagonisten, aktivieren jedoch die Rezeptoren und führen dadurch zu Krämpfen. Erst im Anschluss daran tritt eine Rezeptorblockade mit lähmender Wirkung auf, die dann ebenfalls tödlich enden kann. Pfeilgifte werden nur aus drei Baumsteigerfrosch-Arten gewonnen.

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