Gebet

[AvH] #40 "Leichenfledderei im Dienste der Wissenschaft"

Auch Humboldt kann's nicht lassen...

„Unterhalb der Katarakte [von Maipures], in einer riesigen Höhle in den Granitfelsen hoch über dem Ufer, zeigen ihnen die Indios […] einen geheimnisvollen Ort. Es ist die Höhle von Ataruipe, die Begräbnisstätte der Atures, eines untergegangenen Volkes. Sie finden Hunderte von Körben, große und kleine, je nach Größe der Toten, deren Skelette darin aufbewahrt werden. […] Die Krüge sind verziert mit Zeichnungen von Schlangen, Krokodilen, Vögeln, aber auch mit Schriftzeichen, was besonders erstaunlich ist, da in Europa niemand den Waldindianern eine Schriftform ihrer Sprache zutraut. Die letzten Atures haben noch bis vor dreißig Jahren gelebt, mit ihnen ist ihre Sprache verschwunden. […]

Sie wählen in der Höhle mehrere Schädel, ein Kinderskelett und zwei Skelette von Erwachsenen. […] Humboldt und seine Freunde bleiben sehr lange in der Höhle, sie öffnen Körbe, sortieren Knochen. Die übliche europäische Leichenfledderei im Dienste der Wissenschaft.

Die Mienen der Indios verfinstern sich zunehmend. Humboldt versteht, dass die Grabstätte, wenn sie auch nur den Toten eines fremden Volkes geweiht ist, doch ein heiliger Ort für seine Begleiter darstellt, der nun genug geschändet wurde. Trotzdem beenden die Europäer ihren Frevel noch lange nicht. Nur im Tagebuch überlegt Alexander abends für sich selbst: Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe.“ (aus: Biermann 2008, S. 186 f.)

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